Fort Vinci

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99 Tage ohne Facebook: Aus beruflichen Gründen gescheitert.

Ich habe immer den Tag gefürchtet, an dem ich einen Blog Artikel wie folgt beginne: Ich habe hier schon länger nichts mehr geschrieben…

Aber das schlimmste kommt erst noch: Ich habe hier schon länger nichts mehr geschrieben, weil ich in den letzten drei Wochen, die Nord-West Passage durchschwommen habe. Verzeihung, ich meine natürlich, weil ich die Strecke von Moskau nach Peking S-Bahn-Surfend am Speisewagen der Transsibirischen-Eisenbahn verbracht habe…

Nichts dergleichen!

Ich habe hier schon länger nichts mehr geschrieben, wegen…

Jetzt, zum Jahresende, sind meine Gedanken einfach nur noch bei Schmalzgebäck, Glühwein und Feiertagen. Und aktuell bei der Facebook-Seite meiner Firma.

Facebook-Seite + Firma verträgt sich natürlich nicht mit meinem Vorsatz, 99 Tage auf Facebook kein Gesicht zu zeigen. Firma braucht aber Facebook-Seite, weil Bewerber sich die nun mal anschauen. Ich bin also ein Opfer der Notwendigkeit. Vergewaltigt von Sachzwang und Zeitgeist.

Dabei war es wirklich schön, die Finger von Facebook zu lassen. Auch wenns komisch klingt, aber ich musste mir mein Leben nicht mehr mit meiner Timeline teilen.

Damit bekommt mein „99 Tage ohne Facebook“-Vorsatz einen neue Wendung: Facebook nur aus beruflichen (meine Agentur) und spaßigen (Fort Vinci)-Gründen.

Falls Sie „irgendwas mit Medien“ machen, sich schon immer fragten, wie sich 33% Anarchismus (meine Anteile) und Kommerz miteinander vertragen oder falls sie schon immer eine Werbeagentur „Liken“ wollten, bisher aber nicht wussten, welche, ich hätte da eine Idee…

Die noch jungfräuliche Fanpage meiner Firma.

Bis nächste Woche. Garantiert Schmalzgebäckfrei. Aber wahrscheinlich mit was Neuem aus der heißen Mandarin-Lern-Hölle.

99 Tage ohne Facebook.

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Es gibt Situationen die bei mir ein Stirnkratzen auslösen, ein Räuspern oder ein Schnalzen mit der Zunge. Seit einigen Jahren ist „auf Facebook gehen“ ins Repertoire meiner „pawlowisierten“ Verhaltensweisen dazugekommen:

Computer hochfahren, Browser laden, Facebook besuchen. Bei der Arbeit nicht weiter wissen, Facebook besuchen. In der Bahn sitzen, Facebook besuchen. Dann in die Tiefe meiner Chronik scrollen, liken, kommentieren, mich ärgern oder „lol“ schreiben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Facebook-Algorithmus mich inzwischen besser kennt, als ich mich selber. Gegen die Flut der interessanten Artikel komme ich nicht mehr an. Ich lese sie schon längst nicht mehr, sondern archiviere sie in mein Bookmarkingtool „Getpocket“.

Hin und wieder möchte ich gemocht werden und poste was mit meiner Tochter. Natürlich unkenntlich. Kinder gehen aber auch verschwommen. Hauptsache ein Stofftier ist sichtbar. „Likes“ sind garantiert. Mit exotischen Urlaubsbildern kann ich nicht dienen, aber dafür mit Erfolgsmeldungen aus meiner Firma. Besonders gerne poste ich, wenn ich gerade wieder eine Laufphase habe und sonntagnachmittäglich die 21 Kilometer geknackt habe.

Ich war früher nicht so.

2007 habe ich mich auf Empfehlung eines Freundes bei Facebook angemeldet. Damals hab’ ich nicht verstanden, was das soll. 2009 hatte ich schon zwei Mal was gepostet.

Und mich dabei ziemlich unbehaglich gefühlt. Immerhin: Das sehen ja alle. Und damals gab es glaube ich noch: „Don’t like“. Keine Ahnung, wann der Damm gebrochen ist. Ich könnte in meiner Chronik nachgucken, die fast alles über mich weiß, aber vorgestern Abend beschloss ich, Facebook für 99 Tage „Adieu“ zu sagen. Ein Freund hat mich auf die Aktion „99 Days of Freedom“ gebracht. Derselbe, der mir 2007 von diesem Facebook-Ding erzählt hat.

Hab’ ich natürlich gepostet und jetzt ist der erste Tag meiner Facebook-Abstinenz und mich interessiert brennend, wie viele Likes ich damit eingesammelt habe.

Früher war ich wie gesagt nicht so. Jetzt bin ich also einer der ersten Menschen, deren Persönlichkeit von einem Algorithmus verändert wurde. Übrigens, ist das nicht prosaisch zu verstehen, sondern wörtlich: Facebook hat im Rahmen eines großangelegten Experimentes die mentale Verfassung vieler Mitglieder bewusst manipuliert.

Das ist für mich allerdings kein Grund, mich temporär aus diesem sozialen Netzwerk zu verabschieden. Ebenso wenig geht es mir darum, so etwas wie „Freiheit“ zu erfahren. „99 Days of Freedom“… Echt, Freiheit, weil kein Facebook? Eher kommt es mir so vor, als schränkte ich meine Freiheit ein, indem ich auf eine Option KATEGORISCH verzichte.

Es geht mir mehr um eine Art „Entschlackungskur“, was mein Informationskonsum angeht: In den letzen Monaten bin ich von einem nur noch teilweise lesenden zu einem hauptsächlich „bookmarkenden“ Wesen mutiert. Ein bisschen Eigentherapie also.

Ein weiterer Grund: Ich möchte mich mit Facebook beschäftigen und nicht durch Facebook beschäftigt sein. Damit hab ich auch eine berufliche Rechtfertigung. Wenn man beruflich mit Kommunikation zu tun hat und auf einen derart prominenten Kanal wie Facebook verzichtet, ist das so, als würde man als Arzt die Entdeckung von Antibiotika ignorieren.

Insgeheim ging es mir aber nur darum, mal was Krasses zu posten: 99 Tage ohne Facebook.

Und die Tatsache, dass das einen Mitgrund ist, macht mir Angst.

Tag 1.

Es ist 15:46. Vor 15 Stunden war ich das letzte Mal bei Facebook. Es gibt diese Minuteneinsamkeit, die ich normalerweise mit einem Facebook-Besuch kuriere, um mich als Teil der Weltgemeinschaft zu fühlen. Im Moment vermisse ich Statusmeldungen von einer alten Bekannten, die es jetzt nach Colorado verschlagen hat. Ich würde jetzt gerne Bilder von ihrem Hund sehen.

Außerdem möchte ich wissen, ob ein alter Kumpel von mir gerade im Fitnessstudio ist. Anrufen? Wir haben seit Jahren nur noch über Facebook miteinander zu tun. Ein „Like“ ist die kuschligste Art, nicht in Kontakt zu stehen.

Tag 2.

Bin in der Agentur und arbeite. Draußen ist es grau. Hatte nie den Drang, „Wochenendarbeitsposts“ zu posten, wie der ein oder andere Kandidat auf meiner Timeline. Heute hab’ ich ihn. Auf Facebook zu verzichten und einen Blog zu schreiben – das ist so wie kein Bier mehr zu trinken, aber dafür Schnaps.

Mir wird gerade klar, dass ich sicher Leser verlieren werden. Kann ja auf der Fort Vinci Facebook Seite nicht posten, das ein neuer Artikel online ist. Google Plus, Twitter?

War ein Witz.

Mir fällt gerade auf, dass ich schon seit zwei Tagen keine Nacktbilder mehr von Kim Kardashian gesehen habe.

Erlesen und erschreiben Sie sich Ihr Superhirn.

Kreatives schreiben lernen
Meine Demenzangst führt mich immer wieder zum Thema Gehirntraining. Aus einer Kombination aus Faszination und Wunschdenken habe ich mich eine Zeit lang für Gehirntrainingsprogramme a la „Lumosity“ und „Dual n-back“ begeistert.

Bis ich nach einiger Recherche herausgefunden habe, dass diese Programme nicht die kognitive Leistungsfähigkeit steigern, sondern nur das Kapital der entsprechenden Anbieter. Also hören Sie auf, Ihr Gehirn damit zu trainieren.

Die beste Art, das Gehirn zu trainieren, ist die, es zu benutzen.

Lesen und schreiben beispielsweise hat einen messbaren Effekt auf Kreativität, Empathie und zielgerichtetes Denken. Das zeigen jetzt einige aktuelle Studien.

Und da aktuell der diesjährige Schreibmarathon NaNoWriMo gestartet ist – hier ein Erfahrungsbericht – ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um über die positiven Wirkungen von Lesen und schreiben zu schreiben.

Macht lesen fit?

In diesem Artikel in der New York Times zitiert der Autor eine 2006 veröffentlichte Studie, in der untersucht wird, welchen Effekt „Lesen“ auf das Gehirn hat.

Beim Lesen werden nicht nur die für die Sprache zuständigen Areale im Gehirn – Broca- und Wernicke-Areal – angesprochen, sondern auch die für die geschilderten Empfindungen. Liest man beispielsweise die Beschreibung von Düften oder von Handlungen, werden in diesem Fall die für Geruchssinn beziehungsweise Motorik zuständigen Bereiche aktiviert.

The brain, it seems, does not make much of a distinction between reading about an experience and encountering it in real life

Die Präzision, mit der die entsprechenden Areale aktiviert werden ist dabei erstaunlich. Der Autor verweist auf eine von Véronique Boulenger am Laboratory of Language Dynamics in Frankreich durchgeführten Studie. Diese zeigt, dass die Reaktion der entsprechende Gehirn-Areale extrem spezifisch ist. Lesen Sie: „Er hob seinen Arm“ reagiert tatsächlich der Bereich, der auch beim wirklichen Armheben aktiviert würde. Wohingegen: „Er schwang das Bein“ – einen anderen Bereich reagieren lässt.

Womit meine Muskelaufbau-Pläne eine neue Dimension bekommen.

Lässt Lesen Sie besser fühlen?

Weitere in dem NY-Times Artikel veröffentlichte Studien zeigen, dass Lesen empathischer macht. Zumindest, wenn Sie Belletristik lesen. Das komplexe Gefüge textlich geschilderter sozialer Interaktionen aktiviert genau die Areale, die Sie im tatsächlichen Freud und Leid menschlichen Miteinanders – von der Romanze bis zur perfiden Bürointrige – durchleben.

This relationship persisted even after the researchers accounted for the possibility that more empathetic individuals might prefer reading novels.

Eine an Vorschulkindern durchgeführte Studie zeigt: Je mehr Geschichten sie vorgelesen bekommen haben, desto klarer ist ihre „Theory of mind“. (Eine Vorstellung davon, was andere wohl denken und empfinden). Diesen Effekt haben interessanterweise auch Filme. Allerdings nur, wenn sie im Kino und nicht im Fernsehen gesehen werden.  Eine Erklärung: Beim TV-Gucken werden Kinder tendenziell eher sich selbst überlassen , wohingegen der Kinobesuch immer noch ein „soziale Ereignis“ ist.

Das Fazit des Autors lautet daher zu Recht: Reading great literature, it has long been averred, enlarges and improves us as human beings. Brain science shows this claim is truer than we imagined.

Mehr schreiben, besser denken.

Passend zum NaNoWrimo bin ich im NYMAG auf einen Artikel  gestoßen, der sich auf eine Studie bezieht, die den Effekt des Schreibens auf das Gehirn untersucht.

Dabei wurden 20 professionellen Schreibern – die mindestens seit 10 Jahren etwa 21 Stunden die Woche schreiben – und 28 Neulingen – die weniger als eine Stunde die Woche schreiben – eine Kurzgeschichte vorgelegt. Die Aufgabe: Die Geschichte zu Ende zu schreiben – und das in einem Hirnscanner.

Dabei zeigte sich eine gesteigerte Aktivität im Stirnlappen, der für Sprache und Zielorientierung entscheidend ist. Zu erwarten war, dass die Sprachareale aktiviert wurden. Überraschend war jedoch, dass auch die motorischen Areale der beschriebenen Handlungen bei den Profis viel stärker reagierten als bei den Laien. Außerdem zeigte sich, dass die Hirnareale, die für Lernen und Expertenleistungen eine stark erhöhte Aktivität zeigten.

Expertenleistungen sind weitestgehend automatisiert. Das heißt in diesem Fall: Während der Autor schreibt, muss er nicht mehr so sehr bewusst Ideen entwickeln oder um richtige Worte ringen. Sie kommen automatisch – verglichen mit einem Neuling.

Leider werde ich es dieses Jahr nicht schaffen, am NaNoWriMo teilzunehmen. Sollten Sie jetzt Lust dazu bekommen haben: Hier finden Sie über 160 Story-Ideen für den NaNoWriMo.

Und worauf Sie beim Schreiben achten sollten, um das Gehirn richtig in Wallung zu bringen, sehen Sie auf diesem Schaubild, das ich hierher habe.

Kreatives schreiben lernen

Vögel auf Hochspannungsmasten.

Der brasilianische Multimedia-Künstler Jarbes Agnelli hat eine meiner Lieblings-Impressionen bei längeren Autobahnfahrten vertont: Vögel auf Hochspannungsmasten.

Reading a newspaper, I saw a picture of birds on the electric wires. I cut out the photo and decided to make a song, using the exact location of the birds as notes (no Photoshop edit). I knew it wasn’t the most original idea in the universe. I was just curious to hear what melody the birds were creating.

Da ich ja leider zugeben muss, dass in mir ein hartnäckiges Hippie-Gen dominiert stand ich schon immer auf Walgesänge. Und seit einiger Zeit auch auf die Vertonung der Jahresringe von Bäumen.

Wobei die Vögel aktuell die Charts anführen.

 

Mehr von Musik verstehen – interessantes Gratis-PDF

Musik verstehen
Ich höre gerne klassische Musik. Wobei ich gelernt habe, dass Beethoven eigentlich nicht “Klassik” ist.

Warum das so ist, habe ich nur so Einviertel verstanden. “Nordische Klassik” mag ich auch. Warum das jetzt wiederum “Klassik” ist, obwohl das nach Beethoven kommt, kapiere ich schon gar nicht.

Und wenns um so etwas wie “Fugen” und “Kontrapunkte” geht, nicke ich wissend mit dem Kopf und flüchte mich ins Weinglas.

Ein Kumpel von mir ist Gitarrenlehrer. Populäre Musik mit ihm zu hören, ist mindestens so spannend, wie ich mir eine Segeltour im Mare Tranquilitatis vorstelle. Er seziert die Charts und erklärt mir, warum das eine Schund und das andere Stück genial ist. Manchmal sind die Charts etwas älter. Obwohl eingefleischter Mötörhead Fan betet er Freddy Mercury an. Er hat mir mehrfach erklärt, warum. Verstanden habe ich das nicht. Mehrfach fiel das Wort “Tonleiter”. Glaube ich.

Der Kumpel ist der Meinung, das es keine unmusikalischen Menschen gibt. Inzwischen konnte ich ihn erfolgreich vom Gegenteil überzeugen. Darauf bin ich nicht stolz.

Toby W. Rush hat für Leute wie mich, deren Ohren gemacht sind, um Schenkelklopfer zu verstehen, aber keine Tarantella, ein PDF herausgebracht: Music Theory for Musicians and Normal People

Vielleicht hilft mir das, um zu verstehen, was ich höre. Wahrscheinlicher ist, das es Ihnen hilft.